Gluten, Darm & stille Entzündungen: Prof. Dr. Dr. Simone Kreth im Interview

Gluten, Darm & stille Entzündungen: Prof. Dr. Dr. Simone Kreth im Interview

Muss man nur bei Zöliakie auf Gluten verzichten? Welche Rolle spielt unser Darm für das Immunsystem? Und können Entzündungsprozesse erklären, warum wir uns ständig müde, erschöpft oder einfach nicht richtig fit fühlen?

Darüber haben wir bei echt jetzt mit Prof. Dr. Dr. Simone Kreth gesprochen. Sie ist Ärztin und Wissenschaftlerin und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit stillen Entzündungen, Autoimmunerkrankungen und der Frage, wie sich das Immunsystem unter anderem über die Ernährung beeinflussen lässt.

„Glutenfrei bedeutet nicht automatisch Verzicht“

In ihrer täglichen Arbeit empfiehlt Prof. Kreth manchen Patient, bestimmte Lebensmittel vorübergehend aus ihrer Ernährung zu streichen. Dabei erlebt sie immer wieder dieselbe Reaktion: Was kann ich denn dann überhaupt noch essen?

Genau hier sieht sie einen wichtigen Punkt: Eine Ernährungsumstellung sollte nicht automatisch mit einem Verlust an Lebensqualität verbunden sein.

Gerade bei glutenfreier Ernährung gebe es heute hochwertige Alternativen, die geschmacklich klassischen Backwaren sehr nahekommen. Oder, wie sie es bei ihrem Besuch bei uns formuliert hat: Brezen, die wie Brezen schmecken, Teilchen wie Teilchen – und Brot wie Brot.

Zöliakie ist nicht das einzige Thema

Bei Zöliakie ist die Sache eindeutig: Gluten löst eine Autoimmunreaktion aus und muss konsequent gemieden werden.

Prof. Kreth betrachtet Gluten in ihrer Arbeit jedoch auch im Zusammenhang mit anderen entzündlichen Beschwerden und Autoimmunerkrankungen. Sie beschreibt sogenannte stille oder chronische Entzündungsprozesse, die sich sehr unterschiedlich bemerkbar machen können.

Dazu können nach ihrer Erfahrung beispielsweise gehören:

  • anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung
  • reduzierte Leistungsfähigkeit
  • Verdauungsbeschwerden und Blähungen
  • ein unruhiger Bauch
  • bestimmte Autoimmunerkrankungen
  • weitere unspezifische Beschwerden

Nicht jedes dieser Symptome bedeutet automatisch, dass Gluten die Ursache ist. Für Prof. Kreth können sie aber Anlass sein, Ernährung als eine mögliche Stellschraube genauer zu betrachten.

Warum der Darm dabei so wichtig ist

Der Darm ist weit mehr als nur für unsere Verdauung zuständig.

Er bildet eine riesige Kontaktfläche zwischen unserem Körper und der Außenwelt und steht in enger Verbindung mit unserem Immunsystem. Ein großer Teil unserer Immunzellen befindet sich im Bereich der Darmwand.

Prof. Kreth erklärt im Gespräch, dass eine gestörte Darmbarriere dazu beitragen kann, das Immunsystem immer wieder zu aktivieren. Bestandteile aus der Nahrung können dann mit dem Immunsystem in Kontakt kommen und entzündliche Prozesse beeinflussen.

Genau deshalb spielt die Darmgesundheit in ihrer Arbeit mit Menschen mit chronischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen eine wichtige Rolle.

Kann eine glutenfreie Ernährung helfen?

Bei Menschen ohne Zöliakie ist eine glutenfreie Ernährung keine pauschale Empfehlung für alle.

Prof. Kreth berichtet jedoch aus ihrer klinischen Arbeit, dass sie bei bestimmten Patient zeitweise mit konsequenten Eliminationsphasen arbeitet. Gluten kann dabei eines der Lebensmittel sein, das vorübergehend weggelassen wird.

Ihr Ansatz: Nicht ein bisschen reduzieren, sondern zunächst konsequent beobachten, ob sich Beschwerden verändern.

Je nach individueller Situation können in einer solchen Eliminationsphase auch andere Lebensmittel wie Milcheiweiß oder Eier eine Rolle spielen. Anschließend wird geprüft, was tatsächlich vertragen wird.

Wichtig ist ihr dabei die individuelle Betrachtung: Was einem Menschen hilft, muss nicht automatisch für den nächsten gelten.

Darm und Gehirn: Woher kommt der „Brain Fog“?

Besonders spannend ist auch die Verbindung zwischen Darm und Gehirn.

Entzündliche Prozesse im Körper können nach Prof. Kreths Erklärung auch Auswirkungen auf das Gehirn haben. Betroffene beschreiben dann teilweise einen regelrechten Brain Fog – Konzentrationsprobleme, geistige Erschöpfung oder eine Müdigkeit, die weit über normales „Ich bin heute etwas müde“ hinausgeht.

Gerade Menschen mit aktiven Autoimmunerkrankungen kennen diese extreme Form der Erschöpfung häufig.

Die sogenannte Darm-Hirn-Achse macht deutlich, wie eng Ernährung, Darm, Immunsystem und unser allgemeines Wohlbefinden miteinander verbunden sein können.

Ernährung als eine Stellschraube von vielen

Eine der wichtigsten Botschaften des Gesprächs:

Ernährung ist nicht alles – aber sie kann eine relevante Stellschraube sein.

Wer unter anhaltenden Beschwerden leidet, sollte deshalb nicht einfach wahllos Lebensmittel streichen oder sich selbst diagnostizieren. Prof. Kreth empfiehlt insbesondere bei komplexeren Beschwerden eine individuelle Diagnostik und gegebenenfalls ärztliche Begleitung.

Denn hinter Müdigkeit, Verdauungsproblemen oder Gewichtsschwankungen können sehr unterschiedliche Ursachen stecken.

Unser Take-away

Zöliakie ist nur ein Beispiel dafür, wie eng Nahrung und Immunsystem miteinander verbunden sein können.

Das Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Simone Kreth zeigt vor allem eines: Unser Darm verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Und wer seine Ernährung verändern muss oder möchte, sollte dabei trotzdem nicht auf Genuss verzichten müssen.

Genau deshalb entwickeln wir bei echt jetzt glutenfreie Backwaren, die nicht nach Ersatz schmecken sollen – sondern einfach nach richtig gutem Brot, Brezen und Gebäck.

Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Simone Kreth findet ihr im Video in diesem Beitrag.



Hinweis: Bei diagnostizierter Zöliakie ist eine strikt glutenfreie Ernährung medizinisch notwendig. Eine glutenfreie oder andere eliminierende Ernährung bei anderen Beschwerden sollte dagegen individuell betrachtet und bei Erkrankungen idealerweise ärztlich begleitet werden. Dieser Beitrag gibt die im Interview dargestellte fachliche Perspektive wieder und ersetzt keine medizinische Beratung.